"Jeder Mensch behält bis zum letzten Augenblick seines Lebens die Freiheit, über seine Haltung zu der tragischen Situation zu entscheiden." [Viktor E. Frankl]
Die F.
Mein Name ist Antje Fleischer. Ich wurde 1968 in Roßlau/Elbe in Sachsen-Anhalt geboren.
Ich bestand 1987 mit Bestnoten mein Abitur und wurde dennoch vom Staat nicht zum Studium zugelassen. Die Begründung dafür fehlt bis heute.
Mehrmals verlor ich in der DDR die Arbeit, da ich mich politisch nicht unterordnen wollte und konnte.
Nach der Flucht meines Vaters im Jahr 1989 wurde ich zu einem OV der Staatssicherheit und ab da in den Protokollen als "die F." bezeichnet.
Verhöre, die Zerstörung meiner beruflichen Perspektiven, Hausdurchsuchungen und ständige Schikanen begleiteten mich bis zu meiner Ausreise in die BRD.
Dies alles waren bewusst eingesetzte Zersetzungsmaßnahmen der Staatssicherheit um mich und meinen Mann zu verunsichern, mein Leben zu destabilisieren, und es war der Versuch mich psychisch zu zerstören.
Viele Jahrzehnte konnte ich nicht über das Erlebte sprechen und auch nicht in den Osten der Bundesrepublik reisen. Zu groß war die Angst vor der Begegnung mit der Vergangenheit.
Der Verrat in der eigenen Familie beschäftigt mich bis heute. Eine Aussprache und Versöhnung war nicht möglich und ließ unsere Familie unter anderem auch daran zerbrechen.
Ich lebe heute - seit fast drei Jahrzehnten - zusammen mit meinem zweiten Ehemann in der wunderschönen Universitätsstadt Tübingen.


Ein Herz kann man reparieren
Die Schicksale als Andersdenkende, politisch Verfolgte, Systemkritiker der damaligen DDR und als Opfer des Verrats im intimsten Umfeld durch Familie, Lebenspartner und Freunde sind alle individuell.
Manche von uns haben die Zeit der Repression und Verfolgung relativ unbeschadet überstanden. Andere leiden bis heute körperlich, psychisch und finanziell schwer unter dem Erlebten.
Dennoch bin ich persönlich fest davon überzeugt, dass Heilen und Heilung möglich ist - Nicht immer vollumfänglich aber doch so, dass ein gutes Weiterleben gestaltet werden kann.
Wir dürfen den Tätern nicht die Macht über unser Leben geben.
[Das Bild stammt von dem Straßenkünstler Banta aus Sansibar und entstand im Dezember 2025.]
Zeitzeugin
Antje Fleischer
Nach vielen Jahren des Schweigens arbeite ich seit 2023 ehrenamtlich als Zeitzeugin.
Wir sind es uns und den nachfolgenden Generationen schuldig über das Unrecht und die begangenen Verbrechen in der DDR zu berichten und Zeugnis abzulegen.
Das Unrecht hatte viele Gesichter und Orte.
Es geschah in unseren Familien, in der Schule, an unseren Arbeitsstätten, während der Verhöre der Staatssicherheit, in den Stasi-Gefängnissen und in den berüchtigten Jugendwerkhöfen - aber auch weit entfernt in "befreundeten" Entwicklungsländern in Afrika, Lateinamerika und Asien.
Demokratie muss verteidigt werden - jeden Tag aufs Neue. Auch dafür berichte ich über das mir Geschehene.

